Mythisches

2017 erschien die Kurzgeschichte „Hunger“ in der Anthologie Todeszone Lahn, Autumnus Verlag. Sie gehört zu einer Sammlung von gruseligen Kurzgeschichten und Kurzkrimis rund um das Thema Wasser – hier die Lahn – und entstand im Rahmen der Gießener Reihe „Lesefluss“ am Lahnfenster Hessen. Wir befinden uns im Frühjahr irgendwann im 4. Jahrhundert …

Leseprobe:

 

Hunger

Ich weiß, es ist wahr. Meine Zehen drücken sich in die weiche Erde und schmatzen kaum hörbar, wenn ich sie langsam anhebe und sie bewege, um die dunkelbraune klebrige Masse abzustreifen. Meine Fußstapfen glänzen matt. Der Fluss lauert in den Ackerfurchen. Ich dachte, so weit wird er nicht kommen. Nicht bis hierher, in die Aue und die Äcker auf dieser Seite des Dorfes. So weit traut er sich nicht, so weit ist er noch nie vorgedrungen. Vor einigen Jahren, ich weiß nicht wie viele Jahre, es mögen drei oder fünf sein, oder noch mehr, hat er sich bis zum Rand unserer Siedlung gestohlen. Das erzählen die Alten. Sie warnen schon lange, dass er sich in diesem Jahr noch weiter vorwagt. Ich kann mich nicht an seine Dreistigkeit damals erinnern. Aber ich erinnere mich an den Geruch.

 

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