Es ist ein lesenswertes Buch entstanden, spannend von der ersten bis zur letzten Zeile, in schöner anschaulicher und bildhafter Sprache verfasst. Die Dialoge und Beobachtungen sind einfühlsam gestaltet und klingen so authentisch, als ob auch Autobiographisches oder Familiengeschichtliches eingeflossen wäre. Der Autorin gelingt es, den Spannungsbogen nie abreißen zu lassen. Personen und Ereignisse treiben die Geschichte immer dann weiter, wenn man meint, dass die Protagonistin den Kampf verlieren könnte. Alle Beteiligten werden sorgfältig gezeichnet. Die Autorin widersteht der Versuchung, die unsympathischen Widersacher der um ihr eigenes Leben kämpfenden Frau zu Karikaturen werden zu lassen. Es ist ein aufklärendes Buch, ohne belehrend wirken zu wollen. Es ist ein aufrüttelndes Buch, ohne die Dramatik zu überziehen. Es ist letztlich ein Optimismus verbreitendes Buch, weil es an die Kraft des Einzelnen glaubt, sich von angemaßter Vormundschaft befreien zu können.

Der Vermutung ist zu widersprechen, dass in diesem Roman eine kaum noch vorzufindende fundamentalistische Religionsausübung thematisiert würde. Einerseits schleppen immer noch viele, inzwischen schon Ältere, die noch frühkindlicher religiöser Indoktrination ausgeliefert waren, diese seelische Hypothek mit sich herum, ohne sich wirklich von ihr befreit haben zu können. Andererseits sind es heute vor allem die freikirchlichen Gemeinden, die einen enormen Druck auf die ihnen ausgelieferten Jugendlichen ausüben, sich von aufklärender Wissenschaft fernzuhalten und von ihrem Recht auf Selbstbestimmung Gebrauch zu machen. Nicht zuletzt ist es eine zugewanderte, in der Voraufklärung stehen geblieben Religion, die vielfach ihren Jugendlichen das Recht verwehrt, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Uwe Lehnert, Berlin

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