Roman: Unglaube

Im Dezember 2014 erschien mein Debütroman Unglaube. Jahrelang habe ich nach einem Anfang für das gesucht, was ich aufschreiben wollte. Szene über Szene entstand. Ich verwarf sie alle. Dann überfiel mich die Erinnerung an jene Begebenheit aus meiner Jugendzeit und ich wusste, ich hatte schlicht an der falschen Stelle begonnen. Unglaube ist keine Autobiografie, kein Märchen, keine Liebesgeschichte, nichts Historisches. Es ist ein Entwicklungsroman.

Zum Inhalt:
Rosalinde wächst in einer streng gläubigen Familie auf und lebt in einem sicheren Abstand zu weltlichen Belangen. An einem Herbstabend raubt Aaron, der geheime Freund ihrer jüngeren Schwester, Rosalinde einen Kuss. Sie flieht – und kann den Kuss nicht vergessen. Sie ist zwanzig.
Der Kuss bringt sie in Gewissensnot. Doch sie kann dem vom Vater und der Gemeinde eingeforderten Geständnis, eine Sünderin zu sein, nicht nachgeben. Rosalinde quält ihr Unvermögen, sich schuldig zu fühlen. Sie gerät in eine Zwickmühle aus Angst vor der Verdammnis und dem Hunger nach einem natürlichen Leben, einem Leben ohne Verurteilung.

Der Roman schildert die lebensferne christliche Sexualmoral und wirft ein kritisches Licht auf die „frohe Botschaft“ des christlichen Glaubens: eine Todesbotschaft für vom Glauben Abgefallene und Ungläubige.

ISBN: 978-3-945175-08-8


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Ein signiertes Exemplar bei mir:

Leseprobe:

„So gehst du nicht aus dem Haus.“ Des Vaters Stimme war ruhig.

Rosalinde lockerte behutsam ihren Griff um die Klinke der Wohnungstür bis sie sich leise zurück in ihre Ausgangsstellung hob. Das Schloss schnappte ein mit einem dünnen Klick. Der Vater lehnte in der geöffneten Wohnzimmertür. Sein zu ergrauen beginnendes Haar erschien gelblich im blassen Schein der Flurlampe. Er beugte sich hinunter und musterte Rosalindes nackte Knie: „Der Rock ist zu kurz.“

Rosalindes Hände formten sich zu einer Faust, die Daumen fest darin verschlossen. Der orangefarbene Rock entblößte drei Zentimeter Haut oberhalb der Knie. Sie presste die Lippen aufeinander. Mit der tiefen Falte über der Nasenwurzel wirkte ihr Gesicht wie ein zerknittertes Blatt. Schweigend starrte sie den Vater an und ihre Blicke trafen sich für den Bruchteil einer Sekunde. Sie verharrte, am Vater vorbeischauend, löste sich mit einem kaum merklichen Ruck und ging festen Schrittes in das der Wohnstube gegenüberliegende Zimmer. Leise schloss sie die Tür.

Das unverrückbare Urteil des Vaters stand fest. Es ermahnte Rosalinde zu bedenken, dass sie nicht für das diesseitige Leben geschaffen war, sondern für das jenseitige. Hier, auf Erden, sollte sie lediglich Früchte des Glaubens hervorbringen, die im Jenseits als Edelsteine in der himmlischen Krone funkeln werden. Diese Gewissheit nährte sich aus Bibelworten, die als dicht nebeneinander in den Boden gerammte Pfeiler das Fest-land der Geretteten vor dem schlüpfrigen Moorboden der Ungläubigen schützten.

Sie streifte den orangefarbenen Rock von den Hüften und betrachtete sein Leuchten. Er erinnerte sie an ein Leben, in dem es diese Pfeiler noch nicht gab, weit hinter ihr im Dunst der Vergangenheit verblasst. Ein Lächeln stahl sich in ihre nussbraunen Augen, als sie an die versunkenen Stunden der Kindheit dachte. An der Hand der Mutter tippelte sie ein wenig wackelig auf den Mäuerchen entlang des Weges, glücklich, das Gleichgewicht zu halten; sie hockte auf dem Rasen hinter dem Haus und pflückte die aufgereckten Gänseblümchen, die sich unter der mähenden Walze weg-geduckt hatten; sie reichte der Mutter die Wäscheklammern an, als diese leise summend kariertes Küchentuch und weiße Laken über die Leine warf.

Rosalinde hängte den Rock in die hinterste Ecke des Kleiderschrankes. Seine Farbe loderte auf, als ob er sie verhöhnen wolle. Sie hatte sich von ihm verführen lassen und nicht an die nackten Knie gedacht. Hastig verdeckte sie ihn mit Blusen und wollenen Westen, ergriff einen dunkelblauen Rock, der bis zur Wade reichte, und stieg hinein. Er passte eindeutig besser zu der schlichten weißen Bluse. Laue Frühsommerluft dehnte die Vorhänge des Zimmers. Rosalinde legte sich eine blaue Strickjacke über den Arm, schloss den obersten Knopf ihrer Bluse und prüfte energisch den Sitz ihrer Haarspange, die das feine braune Haar im Nacken streng zusammenband.

Der Vater wartete, noch immer in der Wohnzimmertür stehend, und schaute Rosalinde hinterher, als sie durch die Wohnungstür entschlüpfte. Es war kurz nach sieben am Sonntagabend und Rosalinde Hohmann, zwanzig Jahre alt, beeilte sich. Sie hatte eine knappe halbe Stunde zu gehen. Die Jugendstunde der Christlichen Versammlung begann um halb acht.


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